Sonntag, 24. August 2014

HILFE, MEIN EIS SCHMILZT.



Samstagvormittag an der Kasse eines Einkaufsmarktes.
Zwei Kassen besetzt, an beiden lange Schlangen.

Nach deren Eile zu urteilen handelt es sich bei den Wartenden um Schichtarbeiter und Wochenendbeschäftigte, die rasch wieder zurück an ihren Arbeitsplatz möchten.

Eine Kasse meldet Error und brüllt das Wort den Wartenden, vor allem aber der Kassiererin entgegen. 

Doppeltes Klingeln ruft den Marktleiter auf den Plan und weg von seinem Frühstück, 

dass er wenige Minuten zuvor schon im Blick hatte.
Krümel weggewischt und ran an die Tat, schliesslich hat man als Marktleiter die Verantwortung, dass der Betrieb reibungslos läuft. 

Die wartende Kundin, die schon die Hälfte im Einkaufswagen hat und die andere Hälfte auf dem Band vor sich reagiert entnervt:

Mein Eis schmilzt.‘

Der Marktleiter bemüht sich, die Kassiererin bleibt ruhig, die Kasse zeigt sich unkooperativ.
Die Kundin wiederholt:
Mein Eis schmilzt.‘

Das Eis verehält sich weiterhin so ruhig wie die Kassiererin,
der Marktleiter wirkt nervös, greift zum Telefon und ruft nach dem Kassennotdienst.
Dieser scheint Anweisungen zu geben, denn nun wird eine Klappe hier und ein Fach dort geöffnet, 
die Kasse piept, zeigt aber sonst keine Lebenszeichen.

Die Kundin erwähnt nochmals, jetzt etwas bestimmter:

‚Hören Sie, mein Eis schmilzt.‘

Noch will sie ihr Eis nicht aufgeben.

Die Kassiererin bleibt unbeeindruckt, hat die Kasse, den Marktleiter, die Kundin im Blick, wirft einen Seitenblick auf das Eis, dass sich ruhig verhält.
Ich schaue jetzt auch auf das Eis und sehe, wie sich ganz vorsichtig erst ein, dann zwei Tropfen cremig, gelber Masse aus dem Paket drücken.

Nach kurzer Zeit werden die ersten mutigen Tropfen gefolgt von reichlich gelblich, cremiger Flüssigkeit.  

Die Geschwindigkeit nimmt zu, die Masse macht sich selbstständig, verlässt das Laufband, sucht sich eine Lücke zwischen Kassiererin, Marktleiter und Kundin und – findet eine Stelle, die sich ideal als Wasserfall eignet. Es tropft. Es fällt..

Die Kundin scheint jetzt gelähmt, steht unbeweglich und starrt auf ihre Sandalen. Wo sich einst gepflegte zehn Fussnägel befanden, tupft sich jetzt ein kleiner, gelbcremiger Punkt neben den roten Nagellack.

Tupf, tup, tupf.
 

Ich denke an die Arktis, an Eisbären, deren Eisschollen immer kleiner werden, 
an einen schwindenden Lebensraum, dann Klimaveränderung und 
die beängstigende Aussicht, dass die Umwelt langsam aber sicher 
durch meine Spezies vernichtet wird.
Der Ruf der Eisbären verhallt ungehört. 

Hilfe, mein Eis schmilzt.
Die Kasse hat zwischenzeitlich ihren Widerstand aufgegeben, die Kundin nimmt ihr Eis und will den Laden verlassen.

Ich rufe ihr beim Hinausgehen zu:
‚Haben Sie schon mal an die Eisbären gedacht ? Sie hätten allen Grund um sich über das schmilzende Eis zu beklagen!‘

Sie schaut mir kopfschüttelnd hinterher und murmelt:
‚Verrückt, die Leute sind verrückt. 
Gehen Sie doch nicht am Samstag einkaufen, wenn Sie so gestresst sind !‘